Richtlinien
Richtlinien für die Anwendung der intravenösen Sauerstoffinsufflationstherapie (IOT, Oxyvenierung nach Dr. Regelsberger)
Für die intravenöse Applikation des Sauerstoffs wird das als Medizinprodukt zugelassene Gerät Applimed-O2-1000 empfohlen. Ansonsten stehen zurzeit nur geprüfte Vorgängergeräte zur Verfügung.
Es ist nur reiner medizinischer Sauerstoff zu verwenden.
Die Sauerstoffzufuhr in eine Vene sollte über eine möglichst dünne (G 25, G27) Butterflykanüle erfolgen, der ein Bakterienfilter zur Einmalverwendung vorgeschaltet ist. Zur Vermeidung von Luftbeimengungen ist das Gerät samt Schlauchsystem und Butterflykanüle vor der Behandlung durchzuspülen. Andere Venenzugänge, wie Venenverweilkanülen sind allerdings kein Nachteil, da die Sauerstoffbläschen sich im Verlauf des Venengeflechts teilen und auch wieder vereinen.
Behandlungsdauer
Eine erste Behandlungsserie dauert 3 bis 6 Wochen (3- 5 Mal wöchentlich). Auf einander folgende Termine haben eine höhere Effektivität in kürzerer Zeit.
Die von der Gesellschaft erhobenen Messwerte der Prostacyclinbildung unter der Anwendung erreichen Werte, die eine arterielle Gefäßerweiterung und venöse Tonisierung bewirken. Diese Werte sind in dem Buch des Ehrenpräsidenten Dr. Kreutzer hinterlegt.
Will man speziell dies Prostacyclinbildung fördern, genügen notfalls auch 2 bis 3 Behandlungen pro Woche mit etwas höheren Einzeldosen, sobald der Patient an die Dosierungen gewöhnt ist. Die Gesamtbehandlungsdauer kann dann auf 5 bis 6 Wochen oder bis zum Eintritt des Therapieziels ausgedehnt werden.
Bei Nachbehandlungen genügen meist 2 bis 3 Wochen. Nachbehandlungsserien können je nach Notwendigkeit auch mehrmals jährlich erfolgen. Zur Aufrechterhaltung von Therapieerfolgen, insbesondere bei der Makuladegeneration (DOI: 10.1055/s-2007-986008), sollten alle vier Wochen mindestens drei Oxyvenierungen in Serie erfolgen.
Hinsichtlich der unterstützenden Wirkung auf die körpereigene Steigerung der Prostacyclinproduktion wäre ebenfalls kürzere Auffrischungsintervalle notwendig.
Sauerstoffdosierung
Dosierung bedeutet immer Sauerstoffmenge und Einlaufgeschwindigkeit pro Minute.
Die tägliche Sauerstoffmenge steigt von 10 auf 40 ml bei Frauen bei individuell guter Verträglichkeit auch auf 60 ml und von 15 auf maximal 60 ml bei Männern an. Der erfahrene oder ausgebildete Therapeut orientiert sich hier am individuellen Krankheitsbild, der Körpergröße, dem Lungenvolumen und der Rückmeldung des Patienten. Grundsätzlich gilt es immer, dass man sich bei einer unbekannten Wirkung an die individuell optimale Dosis herantastet.
Die Steigerung der Sauerstoffmenge erfolgt am besten in Schritten von 1 bis 5 ml/d oder auch primär über die Steigerung der vertragenen Menge/Minute durch Steigerung der Einlaufgeschwindigkeit auf maximal 2ml/Minute. Die Einlaufgeschwindigkeit liegt bei 1 bis 2 ml pro Minute. Im Verlauf mehrerer Behandlungsserien steigt die Sauerstoffverträglichkeit an (Adaptation). In Einzelfällen sind auch höhere Dosierungen indiziert, insbesondere dann, wenn bereits eine Gewöhnung an die Therapie erfolgt ist und der Körper bei einer höheren Dosierung auch höhere Werte der eosinophilen Granulozyten im Diff-BB erzeugt. Im Umkehrschluss ist die sinnvolle Maximaldosis erreicht, wenn es zu keinem weiteren Anstieg der eosinophilen Granulozyten kommt, sofern nicht nachvollziehbar der gesetzte Reiz ggf. zu niedrig war. Daher hat das aktuell verfügbare Applikationsgerät auch die Einstellung von 60ml in seinem Menü.
Bei Auftreten von Nebenwirkungen (besonders retrosternaler Druck und Husten) ist die Sauerstoffdosierung zu reduzieren. Die Wirkung beruht auf vermehrter Freisetzung von Bradykininen, Kallikrein etc.
Genauer ist die Bestimmung der Sauerstoffmenge unter Zuhilfenahme der spirometrisch gemessenen Vitalkapazität (VK) der Lunge. Diese Methode wird nahezu nie angewendet, ist aber für den Einzelfall eine intelligente Entscheidungshilfe. Die Durchlüftung der Lunge und deren Durchblutung verlaufen parallel (Euler-Liljestrand-Mechanismus). Das heißt: je höher die Vitalkapazität je mehr intravenös zugeführter Sauerstoff kann sich im Lungenblut auflösen. Die Sauerstoffverträglichkeit nimmt erfahrungsgemäß mit zunehmender Vitalkapazität zu. Richtwerte: Anfangsdosis = VK in Litern x 4; Enddosis = VK in Litern x 12. Beispiel für die Mengenbestimmung: VK = 3.5 Liter; Anfangsmenge: 3,5 X 4=14 ml Sauerstoff; maximale Menge:3,5 x 12=42 ml Sauerstoff. Etwas weniger genau ist die Berechnung der Sauerstoffmenge mit dem Atemstoßtest mithilfe eines sehr preiswerten Peak-Flow-Meters. Anfangsmenge: Peak Flow (L/min)/40; maximale Menge: Peak Flow/10. Beispiel: Peak Flow = 600 L/min; Anfangsmenge = 600/40 = 15 ml O2; maximale Menge = 600/10 = 60 ml O2.
Der Patient muss bei der Behandlung möglichst flach liegen. Die Staubinde sollte nach der Venenpunktion sofort gelöst werden. Freier Abfluss des Sauerstoffs muss gewährt sein (keine einengenden Ärmel; Oberarm leicht abgewinkelt). Nach Ende der Sauerstoffzufuhr sollte der Patient noch ca. 20 Minuten liegen und anschließend 15 Minuten sitzen. Körperliche Bewegung während der Sauerstoffkur ist ratsam. Starke Anstrengungen sind zu vermeiden.
Aufgrund von Erfahrungsgebieten und Ergebnissen der Grundlagenforschung von der Gesellschaft empfohlene Anwendungsgebiete
Die erste Gruppe hat mehr oder weniger mit der arteriellen Durchblutung zu tun. Der Hauptwirkungsmechanismus ist hier die nachgewiesene starke Prostacyclin-Bildung durch den Sauerstoffreiz im Lungenendothel. Prostacyclin ist ein hochpotenter Vasodilatator und Thrombozytenaggregationshemmer und hat u.a. antioxidative, antientzündliche und antimetastatische Wirkungen. DOI: 10.1055/s-2002-19945
Da es aus der modulierend im Rahmen der Hormesis bewirkten Steigerung der Arachidonkaskade entsteht, werden auch die anderen Prostaglandine verändert. Eine Entzündungshemmung lässt sich im Therapieverlauf auch im Abfall des PGE2 dokumentieren. Diese Effekte lassen sich bei einer Optimierung der Eicosanoide EPA, DHA, LA, yLA, AA deutlich optimieren.
Die Hemmung der erwähnten Adhäsionsmoleküle kann durch mehrere Stoffe, die nachweislich durch die Oxyvenierungstherapie vermehrt gebildet werden, bewirkt werden: Prostacyclin, Produkte der 15-Lipoxygenase und der Paraoxonase-1. Die Bildung der Endocannbinoide unter der Ergänzung mit essentiellen Fettsäuren wird durch die Oxyvenierung noch stärker gefördert.
Bei der zweiten Gruppe handelt es sich überwiegend um chronische (allergisch-) entzündliche Erkrankungen. Die nach Oxyvenierung obligatorisch stark vermehrten eosinophilen Granulozyten im Blut werden höchstwahrscheinlich durch Hemmung von bestimmten Adhäsionsmolekülen (wahrscheinlich P-Selectin und L-Selectin) im Blut zurückgehalten, weil die Eosinophilen hier gebraucht werden, um mit ihren Enzymen den zugeführten Sauerstoffüberschuss abzubauen.
Durch die Verhinderung der Auswanderung von Eosinophilen aus dem Blut ins Gewebe können die Eosinophilen, die bei der Entstehung von allergisch entzündlichen Erkrankungen eine Schlüsselrolle spielen, nicht mehr pathogenetisch wirken. Es kommt also zu einer Vermehrung der Eosinophilen im Blut und zu einer Verminderung im Gewebe
Bei der dritten Gruppe sind es die Autoimmunerkrankungen, von denen man aus Studien weiß, dass diese blander verlaufen, wenn ein parasitärer Befall vorliegt. (Old Friends-Hypothese) Das Sauerstoffbläschen wirkt im Blut wie ein Pseudoparasit und löst vergleichbare Immunreaktionen aus. Das Bläschen ist allerdings nur für 20 Minuten da, frisst keine Mikronährstoffe, hat kein Hygieneproblem, muss nicht durch Antihelmintica beseitigt werden und kann in seiner Dosis therapeutisch angepasst werden.
Die nach der Oxyvenierungstherapie regelmäßig auftretende Eosinophilie erinnert an die Eosinophilie bei Wurminfektionen und ermöglicht es zu beurteilen, wie die Immunreaktion auf die Therapie ausfällt und wie lange die Therapie noch erfolgen soll bzw. wie die Dosis anzupassen ist. Es ist aus Ultraschallmessungen bekannt, dass der intravenös in Bläschenform insufflierte Sauerstoff sich nur zum Teil an das Hämoglobin bindet, ein nicht genau bestimmbarer Teil aber über einige Zeit bläschenförmig bleibt und die Bläschen so als fremde (antigene) Partikel wirken, die die Eosinophilie bedingen. Diese Bläschen bewirken in der Lunge eine vorübergehende Sauerstoffmikroembolie, die dann auch zu Aktivierungen der endothelialen NO-Synthetase, der Arachidonkaskade und den weiteren Zytokinen, Bradykininen und Kallikrein führt. Neben der Eosinophilie hat die IOT zahlreiche weitere Gemeinsamkeiten mit Wurminfektionen im Sinne der Hygiene- oder Old Friends-Hypothese, die besagt, dass unter besseren hygienischen Verhältnissen und nach der Möglichkeit medikamentöser Behandlung von Wurminfektionen in den letzten Jahrzehnten Autoimmunkrankheiten und Allergien sowie andere chronisch entzündliche Erkrankungen dramatisch zugenommen haben. Eine Anwendungsbeobachtung zeigt, dass die Freisetzung des IL-5 und IL-33 sich durch das Sauerstoffbläschen genauso zeigt, wie bei einem Parasitenbefall, aber es gibt kein Hygieneproblem, es muss kein Gift geschluckt werden, um die Parasiten wieder los zu werden und das Sauerstoffbläschen frisst keine Mikronährstoffe. Da es sich innerhalb von 20 Minuten selbst auflöst, ist der Reiz selbstlimitierend.
Eine vierte Gruppe ist die altersabhängige Makuladegeneration zu der in einer Studie eine deutliche Visusverbesserung erzielt wurde, allerdings nahezu gar nicht, wenn der Restvisus unter 20% betraf. DOI: 10.1055/s-2007-986008
In diesen Bereich der Antientzündlichkeit gehört auch die Publikation im Hinblick auf die Reduktion des IL1-ß. https://doi.org/10.1186/s41231-021-00107-z
Kontraindikationen
Alle akuten Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Apoplex, hochfieberhafter Infekt, Pneumonie, Status asthmaticus, Vorhof-und Kammerseptumdefekte, insbesondere persistierendes Foramen ovale (PFO), Morbus Osler. Die feuchte Makuladegeneration kann in Kombination mit den klassischen Medikamenten schneller zu einer trockenen werden und die Injektionsintervalle deutlich erweitern. In einem solchen Fall ist die Therapie ophthalmologisch zu begleiten.
Bei offenem Foramen ovale, Vorhof-und Kammerseptumdefekten und dem M. Osler kann es theoretisch zu Zeichen einer flüchtigen ungefährlichen cerebralen Ischämie kommen. In einem solchen Fall ist der Patient kardiologisch vorzustellen und weitere Sauerstoffinfusionen sind zu unterlassen!
Relative Kontraindikationen sind der Zustand nach Lungenembolie und das inhalierende Tabakrauchen (der insufflierte Sauerstoff hat ein reduziertes peripheres Lungenarterienvolumen zur Verfügung, um sich auflösen zu können; Nikotin ist ein Inhibitor der Prostazyklinsynthese; CO im Rauch verdrängt Sauerstoff vom Hämoglobin, wodurch die Lösungsmöglichkeit des Sauerstoffs ebenfalls reduziert wird).
Schwangerschaft, da die Aktvierung der Arachidonkaskade die Wehenbildung verstärken kann. Im Rahmen der Geburtseinleitung (Dr Regelsbergers Sauerstoffkinder) ist die Anwendung eine Option.
Nebenwirkungen
Häufiger: retrosternaler Druck, Hustenreiz, Müdigkeit, Harnflut.
Seltener: Kopfschmerz, Gesichtsröte
Extrem selten: grippeartige Symptome im Sinne der Überaktivierung der Arachidonkaskade bei ungünstigem Omega3: 6-Verhältnis als Nebeneffekte von Prostacyclin und PGE2, pulmonale Infiltrationen (ein einziger dokumentierte Fall eines Rauchers), Veränderungen im Diff-BB als immunologische Reaktion auf ggf. durch verbesserte Ver- und Entsorgung in der Mikrodurchblutung bearbeitete Aufräumarbeiten.
Maßnahmen bei eventuellem Auftreten von Nebenwirkungen
Dosisreduzierung (Sauerstoffmenge und Einlaufgeschwindigkeit). Evtl. ein- oder mehrtägige Pause. Kontrolle der eosinophilen Leukozyten und der BKS, die stark erhöht sein kann.
Ein Theophyllin-Präparat und/oder 500 mg Aspirin helfen bei Thoraxdruck und Husten fast immer prompt. Häufig mindert schon mehrmaliges tiefes Einatmen den Thoraxdruck.
Antidotwirkung von bestimmten Pharmaka
Alle Cyclooxygenasehemmer (Cox 1 und besonders Cox-2) wie ASS, NSAR (Indometazin, Ibuprofen, Diclofenac etc.) wirken abschwächend oder blockierend auf die Arachidonkaskade und somit die Bildung des Prostazyklins und anderer Prostaglandine, Sie hemmen dadurch die positive Wirkung der Oxyvenierungstherapie. Eine Ausnahme bilden kleine Dosen von ASS (30 bis 100 mg) wie sie bei der Infarktprophylaxe üblich sind. Diese führen eher zu einer verstärkten Wirkung der intravenösen Sauerstoffbehandlung, da sich eine besondere Form von acetylierten E3-Resolvinen bilden kann.
Glucocorticoide in hoher Dosierung können den Wirkmechanismus der Oxyvenierungstherapie negativ beeinflussen, weil sie die Vermehrung der eosinophilen Granulozyten und damit die oben angeführten Wirkmechanismen unterdrücken. Bei niedriger Dosierung (bis maximal 15 mg) konnte erfahrungsgemäß eine positive Wirkung einschließlich einer Eosinophilie erreicht werden. Bei höheren Dosen erreicht man häufig eine schnellere Dosisreduktion der Corticoid, wie die Erfahrung im Rahmen der Colitis ulcerosa zeigt.
Antioxidanzien wie Vitamin A, C, E, beta-Carotin oder Selen sowie Phytotherapeutika wie Curcuma führen in üblichen Dosen die zum Ausgleich von Mängeln bestimmt sind, erfahrungsgemäß nicht zu einer Wirkungseinschränkung. Curcumin ist aber ebenfalls ein Cyclooxygenasehemmer und sollte in einem Abstand von mindestens 6 Stunden gegeben werden. Acetylcystein (NAC) zeigt in einer einzelnen Dokumentation, dass die Prostazyklinbildung gegenüber der Placebogruppe mit achtfacher Erhöhung, nur 4-fach erhöht ist, während unter NSAR überhaupt kein Anstieg erfolgt, im Gegenteil, sogar ein Abfall eintreten kann.
Zusatzmedikation
Die zusätzliche Gabe von hochdosiertem Fischöl (2-3 g EPA und DHA täglich) und niedrigdosierter ASS (30-100g täglich) verstärkt nachweislich die positive Wirkung der IOT. Mittlerweile gibt es auch Produkte, die bereits PRMs, also Pro Resolving Mediatoren enthalten. Der Anstieg der antienetzündlichen Lipidmediatoren konnte in einer kleinen Praxisstudie belegt werden. Bei der niedrigdosierten ASS-Einnahme besteht die Chance auf Bildung einer weiteren Resolvin-Gruppe, nämlich der acetylierten E3-Resolvine.
Allen Anwendern der Oxyvenierungstherapie wird empfohlen, der Internationale Gesellschaft für Oxyvenierungstherapie e.V. beizutreten, die regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen, Erfahrungsaustausch im Online-Call und Hilfe bei Behandlungsproblemen anbietet.
Ausführliche Informationen über die IOT in dem 2013 erstmals erschienenen Buch: Intravenöse Sauerstofftherapie (IOT). Oxyvenierungstherapie nach Regelsberger in Theorie und Praxis. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.
(Bezug über die Internationale Gesellschaft für Oxyvenierungstherapie e.V., Bestellformular auf S. 1!)